Re-Veg heißt, eine bereits abgeerntete Cannabispflanze über den Lichtzyklus zurück in die Wachstumsphase zu zwingen, damit sie ein zweites Mal blüht. Du lässt bei der Ernte ein paar untere Triebe samt Blättern stehen, stellst das Licht auf 18 bis 24 Stunden und fütterst wieder stickstoffbetont. Nach vier bis sechs Wochen wächst sie normal weiter – das funktioniert nur mit photoperiodischen Sorten, nicht mit Autoflowern.
Wann sich Re-Veg lohnt – und wann nicht
Regeneration ist kein Standardschritt, sondern eine gezielte Entscheidung. Sinnvoll wird sie vor allem in zwei Fällen: Du hast einen richtig guten Phänotyp erwischt und willst diese Genetik behalten, ohne eine eigene Mutterpflanze durchzuziehen. Oder du willst aus derselben Pflanze eine zweite Ernte holen, weil das etablierte Wurzelwerk schon vollständig da ist.
Zwei harte Voraussetzungen: Erstens brauchst du eine photoperiodische Sorte – also eine, die über die Lichtstunden gesteuert blüht. Autoflower (selbstblühende Sorten) lassen sich nach der Standardlehre nicht zuverlässig regenerieren, weil sie altersgesteuert blühen und nicht über den Lichtzyklus. Zweitens muss die Pflanze gesund sein: Eine von Schimmel, Wurzelfäule oder starkem Schädlingsbefall geschwächte Pflanze steckt den Stress der Regeneration meist nicht weg.
Erwarte außerdem keinen schnellen Sprint. Re-Veg ist ein Geduldsspiel von mehreren Wochen mit anfangs merkwürdig aussehendem Wuchs – wer nur schnell viel Ertrag will, fährt mit einem frischen Grow aus Samen oft besser.
Schritt für Schritt: Pflanze zurück in die Veg holen
- Bei der Ernte Grün stehen lassen. Ernte die reifen Buds, aber lass an einigen unteren Zweigen genug Blattmasse und ein paar Triebspitzen (die kleinen Wuchspunkte, aus denen neue Blätter kommen) stehen. Über diese grünen Blätter läuft die Photosynthese, die den Neuaustrieb überhaupt erst antreibt.
- Restliche Blüten abknipsen. Zwick alle noch verbliebenen kleinen Buds an den stehengelassenen Trieben ab. Bleibt Blütenmaterial dran, hängt die Pflanze mental in der Blüte fest und tut sich mit dem Umschalten schwer.
- Wurzelzone spülen. Gieß den Topf einmal mit klarem, pH-eingestelltem Wasser (Erde 6,0–6,5; Coco 5,8–6,0) gut durch, um Salzreste aus der Blütedüngung auszuwaschen. Die Wurzeln tragen die nächste Runde – behandle sie schonend.
- Licht auf Wachstumsphase umstellen. Schalt auf 18/6 zurück. Die ersten ein bis zwei Wochen darfst du sogar auf 20 bis 24 Stunden Licht gehen, um den Umschalt-Reiz zu verstärken; die Lichtintensität kannst du anfangs etwas herunterfahren. Wichtig: Achte auf eine wirklich dunkle Dunkelphase – schon ein Lichtleck im Zelt kann den Prozess verwirren.
- Wieder vegetativ düngen. Wechsle vom Blütedünger (viel Phosphor/Kalium) zurück auf einen stickstoffbetonten Wachstumsdünger. Neues Blatt- und Triebwachstum braucht Stickstoff. Starte niedrig dosiert.
- Klima anpassen und abwarten. Halte die Luftfeuchte in der Wachstumsphase eher höher (rund 60–70 %) und gieß sparsam. Nach ein paar Tagen zeigen sich erste, oft skurrile Neutriebe; nach vier bis sechs Wochen wächst die Pflanze wieder normal.
Ist die Pflanze durch die Regeneration einmal wieder buschig und kräftig, leitest du die zweite Blüte ganz normal über den Wechsel auf 12/12 ein.
Woran du erkennst, dass die Regeneration läuft
Der Neuaustrieb sieht am Anfang verstörend aus – das ist normal und sogar das gewünschte Signal. Typisch ist diese Reihenfolge: Zuerst kommen runde, glattrandige Blätter mit nur einem einzigen Finger, dann dreifingrige, dann fünffingrige, bis die Pflanze zurück bei den normalen sieben- bis neunfingrigen Blättern ist. Dazu wächst sie oft aus mehreren Punkten gleichzeitig und wird deutlich buschiger als vorher.
Genau diese Vielzahl neuer Triebe nutzen manche Grower gezielt: Nimmt man kurz nach dem Blühbeginn Stecklinge und lässt sie re-veggen, entsteht die als Monstercropping bekannte, extrem verzweigte Wuchsform. Für den einfachen Zweit-Ernte-Fall reicht aber die Pflanze selbst.
Bei meinem ersten Re-Veg-Versuch im Zelt habe ich beim Ernten fast das komplette Laub abgeschnitten und nur nackte Stängel stehen lassen – die Pflanze brauchte über einen Monat, bis überhaupt der erste runde Neutrieb kam. Seitdem lasse ich unten bewusst mehr grüne Blätter und zwei, drei Triebspitzen dran; damit läuft der Neuaustrieb spürbar schneller an.
Wenn das Re-Veg nicht anspringt
Nicht jede Pflanze macht mit. Diese drei Probleme tauchen am häufigsten auf:
- Sie bildet weiter Buds statt neuer Blätter. Meist steckt ein übersehenes Blütenrestchen oder ein Lichtleck in der Dunkelphase dahinter. Alle verbliebenen Buds konsequent abknipsen und das Zelt auf Lichtdichtigkeit prüfen.
- Wochenlang tut sich fast nichts. Häufig wurde zu wenig Blattmasse stehengelassen, oder die Wurzeln sitzen in versalzter Erde. Einmal gründlich spülen, Geduld haben – und beim nächsten Mal mehr Grün an der Pflanze lassen.
- Zwitterbildung (Hermie). Der Stress der Regeneration kann eine Pflanze dazu bringen, männliche Pollensäcke zu bilden. Kontrolliere die Blattachseln regelmäßig; tauchen Pollensäcke auf, trenne die Pflanze, damit sie den Rest des Zelts nicht bestäubt.
Warum eine geerntete Pflanze überhaupt wieder wächst
Photoperiodische Cannabispflanzen steuern ihre Blüte nicht über das Alter, sondern über die Länge der Dunkelphase. Ein Lichtsensor-Molekül (Phytochrom) misst, wie lang die Nächte sind. Kurze Nächte (viel Licht) bedeuten für die Pflanze „Sommer, weiter wachsen“; lange Nächte (12/12) bedeuten „Herbst, jetzt blühen“.
Wenn du nach der Ernte wieder auf viele Lichtstunden gehst, gaukelst du der Pflanze also erneut Sommer vor. Weil Hauptstamm und Wurzelwerk noch voll intakt sind, reaktiviert sie ihr vegetatives Programm und treibt aus den vorhandenen Wuchspunkten neu aus – oft schneller, als ein Sämling in der Frühphase wachsen würde. Genau darin liegt der Reiz des Re-Veggens: ein fertiges Wurzelsystem, das sofort loslegen kann.
Häufige Fragen
Kann man jede Cannabispflanze regenerieren?
Nein. Re-Veg funktioniert zuverlässig nur mit photoperiodischen Sorten, die über die Lichtstunden blühen. Autoflower blühen altersgesteuert und lassen sich nach der Standardlehre nicht regenerieren.
Wie lange dauert ein Re-Veg?
Erste, oft skurril geformte Neutriebe zeigen sich nach wenigen Tagen. Bis die Pflanze wieder normal und kräftig wächst, vergehen meist vier bis sechs Wochen – danach kannst du die zweite Blüte einleiten.
Welcher Lichtzyklus ist für Re-Veg richtig?
Zurück auf 18/6. In den ersten ein bis zwei Wochen helfen 20 bis 24 Stunden Licht, den Umschaltreiz zu verstärken. Entscheidend ist außerdem eine wirklich lichtdichte Dunkelphase ohne Lecks.
Warum sehen die neuen Blätter so komisch aus?
Runde, einfingrige Blätter sind das normale Startsignal beim Re-Veg. Danach kommen drei-, fünf- und schließlich wieder sieben- bis neunfingrige Blätter. Der seltsame Wuchs zeigt, dass die Regeneration greift.
Bringt eine re-vegte Pflanze mehr Ertrag?
Das Wurzelwerk ist voll ausgebildet, deshalb kann die zweite Runde zügig starten. Garantiert höher ist der Ertrag aber nicht – Erfolg und Menge hängen stark von Sorte, Gesundheit und Geduld ab.




