VPD (Vapor Pressure Deficit, deutsch: Sättigungsdefizit) beschreibt, wie „durstig“ die Luft in deinem Zelt ist – und damit, wie stark deine Pflanze Wasser und Nährstoffe nach oben zieht. Zielwerte: in der Vegetation 0,8–1,2 kPa, in der Blüte 1,2–1,6 kPa. Gemessen wird auf Blatthöhe, nicht am Boden. Den VPD senkst du, indem du die Luftfeuchte erhöhst oder die Temperatur senkst – für einen höheren Wert genau umgekehrt.
Was VPD wirklich misst
VPD ist die Differenz zwischen der maximalen Wassermenge, die die Luft bei einer bestimmten Temperatur aufnehmen könnte, und der tatsächlich vorhandenen Feuchte. Angegeben wird er in Kilopascal (kPa). Klingt akademisch, hat aber einen sehr praktischen Kern: Je höher der VPD, desto mehr Wasser verdunstet über die Blattporen (Stomata) – und mit diesem Sog wandern auch Nährstoffe wie Calcium aus dem Wurzelbereich bis in die Triebspitzen.
Genau deshalb ist VPD aussagekräftiger als die reine Luftfeuchte. 60 % relative Feuchte bedeuten bei 20 °C etwas völlig anderes als bei 28 °C. Temperatur und Feuchte zusammen ergeben erst, ob deine Pflanze gerade entspannt transpiriert oder ins Stocken gerät.
VPD-Tabelle für Cannabis nach Phase
Die folgenden Bereiche sind in der Grow-Praxis etabliert. Die Temperatur- und Feuchtewerte sind Beispielkombinationen, die genau in den jeweiligen VPD-Korridor fallen – wichtig ist am Ende der kPa-Wert, nicht eine starre Temperatur.
| Phase | Temperatur | rel. Luftfeuchte | VPD-Zielbereich |
|---|---|---|---|
| Keimung & Stecklinge | 22–26 °C | 70–80 % | 0,4–0,8 kPa |
| Frühe Vegetation | 22–26 °C | 60–70 % | 0,8–1,1 kPa |
| Späte Vegetation | 24–28 °C | 50–60 % | 1,0–1,3 kPa |
| Frühe Blüte | 22–26 °C | 50–55 % | 1,2–1,4 kPa |
| Späte Blüte (letzte 2 Wochen) | 20–25 °C | 40–50 % | 1,4–1,6 kPa |
Die Logik dahinter: Junge Pflanzen mit wenig Wurzelmasse vertragen kaum Sog, deshalb startet man feucht und mit niedrigem VPD. Mit jeder Phase darf der Wert steigen. In der späten Blüte hält ein hoher VPD die Luft trocken – das senkt das Risiko für Schimmel und Budrot und unterstützt das Aushärten der Blüten.
VPD im Growzelt einstellen – Schritt für Schritt
- Hygrometer auf Blatthöhe platzieren. Häng es in die Mitte des Blätterdachs, dorthin, wo die meisten Blüten sitzen – nicht an den Zeltboden. Dort herrscht ein anderes Mikroklima.
- Temperatur und relative Luftfeuchte ablesen, idealerweise getrennt für die Lichtphase und die Dunkelphase. Beide weichen oft um mehrere Grad und Prozentpunkte voneinander ab.
- Blatttemperatur berücksichtigen. Das Blatt ist durch die Verdunstung meist 1–3 °C kühler als die Zeltluft. Wer ein Infrarot-Thermometer hat, misst direkt am Blattdach; ohne Messung rechnest du mit der Faustregel Lufttemperatur minus 2 °C.
- VPD ablesen oder berechnen – mit einem VPD-Rechner aus Blatttemperatur und relativer Feuchte, oder über die Tabelle oben als Näherung.
- Mit dem Zielbereich der aktuellen Phase vergleichen.
- Anpassen, aber nur eine Stellschraube auf einmal. Ist der VPD zu niedrig (Luft zu feucht/zu kühl), erhöhst du die Abluft oder stellst einen Entfeuchter dazu. Ist er zu hoch (Luft zu trocken/zu warm), hilft ein Luftbefeuchter oder eine etwas niedrigere Temperatur.
- 30–60 Minuten warten und erneut messen. Klima reagiert träge; wer ständig nachregelt, jagt nur Schwankungen hinterher.
Warum dein gemessener VPD oft falsch ist: die Blatttemperatur
Lange habe ich meinen VPD nur aus der Lufttemperatur und dem Hygrometer-Wert errechnet und mich gewundert, warum die Blätter in der späten Vegetation leicht eingerollt waren, obwohl die Zahlen passten. Erst als ich beim letzten Zelt-Grow ein günstiges Infrarot-Thermometer ans Blattdach hielt, sah ich: Das Blatt war rund 2,5 °C kühler als die Luft. Mit dieser korrigierten Temperatur lag mein echter VPD deutlich höher als gedacht – die Pflanze hatte schlicht zu viel Sog.
Das ist der häufigste Rechenfehler beim VPD. Wer mit der Lufttemperatur statt der Blatttemperatur rechnet, unterschätzt den realen Wert systematisch. Unter starker LED kann der Unterschied je nach Luftbewegung sogar größer als 2 °C sein. Wenn deine Werte auf dem Papier stimmen, die Pflanze aber anders reagiert, ist fast immer die Blatttemperatur die Erklärung.
Wenn der VPD nicht stimmen will
Bleibt der Wert trotz Nachregeln daneben, liegt es meist an einer dieser Ursachen:
- Die Feuchte lässt sich nicht senken: Oft ist die Abluft zu schwach dimensioniert, das Zelt zu voll bepflanzt oder nasses Substrat verdunstet permanent. Erst Luftaustausch und Gießmenge prüfen, dann zum Entfeuchter greifen.
- VPD kippt zwischen Tag und Nacht: In der Dunkelphase fällt die Temperatur, die relative Feuchte steigt – der VPD sackt ab. Stelle für Licht-an und Licht-aus getrennte Zielwerte ein, statt nur den Tageswert zu optimieren.
- Rechner und Gefühl widersprechen sich: Dann hängt das Hygrometer falsch (zu tief, zu nah an der Zeltwand) oder die Blatttemperatur stimmt nicht. Sensor ins Blätterdach, Blatttemperatur korrigieren.
Was bei falschem VPD mit der Pflanze passiert
Ist der VPD zu niedrig, transpiriert die Pflanze kaum. Der Nährstoffstrom kommt ins Stocken – ein Calciummangel an den oberen Blättern trotz voller Düngung ist ein typisches Zeichen. Gleichzeitig steht feuchte, stehende Luft, was in der Blüte das Schimmelrisiko hochtreibt.
Ist der VPD zu hoch, schließt die Pflanze ihre Stomata, um nicht auszutrocknen. Das Wachstum bremst, die Blätter rollen sich an den Rändern nach oben ein („Tacoing“). Der ideale Korridor ist also kein Wellness-Faktor, sondern entscheidet direkt darüber, ob Wasser und Nährstoffe überhaupt dort ankommen, wo sie gebraucht werden.
Häufige Fragen
Was ist der ideale VPD-Wert für Cannabis?
In der Vegetation liegt der Zielbereich bei 0,8–1,2 kPa, in der Blüte bei 1,2–1,6 kPa. Keimlinge und Stecklinge mögen es feuchter mit 0,4–0,8 kPa. Entscheidend ist der kPa-Wert auf Blatthöhe, nicht eine feste Temperatur.
Wie senke ich den VPD im Growzelt?
Ein zu hoher VPD bedeutet zu trockene oder zu warme Luft. Erhöhe die Luftfeuchte mit einem Luftbefeuchter oder senke die Temperatur leicht. Ändere immer nur eine Stellschraube und miss nach 30–60 Minuten erneut.
Auf welcher Höhe misst man den VPD?
Immer auf Blatthöhe, also in der Mitte des Blätterdachs, wo die meisten Blüten sitzen. Am Zeltboden herrscht ein anderes Mikroklima, das den realen VPD an der Pflanze verfälscht.
Warum muss ich die Blatttemperatur einrechnen?
Das Blatt ist durch Verdunstung meist 1–3 °C kühler als die Zeltluft. Rechnest du mit der Lufttemperatur, unterschätzt du den echten VPD. Faustregel: Lufttemperatur minus 2 °C, oder direkt mit einem Infrarot-Thermometer messen.
Was passiert bei zu niedrigem VPD?
Bei zu niedrigem VPD transpiriert die Pflanze kaum, der Nährstoffstrom stockt und Calciummangel an oberen Blättern kann auftreten. Zugleich steigt in der Blüte durch feuchte, stehende Luft das Schimmelrisiko deutlich.




