Low Stress Training (LST) heißt, die Triebe deiner Cannabispflanze sanft herunterzubinden statt sie zu schneiden. Du startest in der dritten bis vierten Vegetationswoche bei 4–6 Blattpaaren, biegst den Haupttrieb mit gummiertem Pflanzendraht waagerecht und fixierst ihn am Topfrand. So entsteht ein flaches, gleichmäßiges Kronendach – 15 bis 30 Prozent mehr Ertrag ohne Wachstumsstopp.
LST (zu Deutsch etwa „stressarmes Training“) ist die schonendste Trainingsmethode im Heimanbau: Du verformst die Pflanze nur, ohne Pflanzenmaterial zu verletzen. Genau deshalb eignet sie sich für Einsteiger und besonders fürs Growzelt, wo die Höhe begrenzt ist. Statt einer hohen Pflanze mit einer dominanten Hauptcola ziehst du eine breite, flache Pflanze mit vielen gleich hohen Blütenständen.
Ist LST das Richtige für deine Pflanze?
LST passt, wenn deine Pflanze gesund in der vegetativen Phase wächst und der Stängel noch grün und biegsam ist. Drei Checks vorab:
- Höhe und Knoten: mindestens 4–6 Blattpaare (Nodes) und etwa 15–20 cm Höhe. Vorher ist die Pflanze zu jung, der Trieb zu zart.
- Biegsamkeit: Der Haupttrieb lässt sich leicht zwischen zwei Fingern beugen, ohne zu knacken. Verholzt (braun, hart) ist er zu spät dran.
- Phase: Du bist klar in der Wachstumsphase, nicht in der Blüte. In der Blüte sind die Stängel zu hart und brechen leicht.
Zum Vergleich: Beim Topping oder anderen High-Stress-Methoden (HST) schneidest oder knickst du aktiv und nimmst eine Wachstumspause von einigen Tagen in Kauf. LST verzichtet auf jede Wunde – die Pflanze wächst durchgehend weiter. Für den ersten oder zweiten Grow ist das der sicherere Weg.
Material: Was du für LST brauchst
- Gummierter Pflanzendraht oder weiches Pflanzenband (Velcro). Gummierter Draht kostet wenige Euro pro 50 m und schneidet nicht ins Gewebe.
- Ankerpunkte: kleine Löcher in den oberen Topfrand bohren oder Pflanz-Clips am Rand setzen.
- Optional: LST-Clips für einzelne Triebe, eine saubere Schere, sowie Klebeband und ein Zahnstocher als Notfall-Schiene.
Finger weg von dünnem Metalldraht, Nähgarn oder unbeschichteten Kabelbindern – die schneiden unter Last in den Stängel ein und hinterlassen Wunden, durch die Krankheiten eindringen.
LST in 6 Schritten
- Biegepunkt wählen: Setze den ersten Bogen 10–15 cm unterhalb der Triebspitze an, dort wo der Stängel noch grün und elastisch ist.
- Haupttrieb sanft herunterbiegen: Beuge die Spitze in einer weichen Kurve Richtung Topfrand – etwa 90 Grad, langsam und ohne Knick. Spürst du Widerstand, gib weniger.
- Fixieren: Führe den gummierten Draht um den Trieb (nicht zu eng) und befestige ihn an einem Loch im Topfrand. Die Triebspitze zeigt jetzt waagerecht nach außen.
- Seitentriebe verteilen: Biege die unteren Seitentriebe gleichmäßig sternförmig nach außen und unten, sodass alle Spitzen ungefähr auf einer Höhe liegen.
- Flaches Kronendach halten: Ziel ist eine ebene Fläche, auf die das Licht überall gleich auftrifft. Triebe, die herausragen, immer wieder nachbinden.
- Nachjustieren: Kontrolliere täglich bis alle zwei Tage. Neu gewachsene Bereiche richten sich nach oben – binde sie nach, bis das Kronendach wieder flach ist.
Spätestens in der dritten bis vierten Blütewoche stellst du das Training ein. Dann verholzen die Stängel und die Pflanze steckt ihre Energie in die Blüten. Die Binder kannst du entfernen oder einfach dranlassen, falls die schweren Buds Stütze brauchen.
Häufige Fragen
Wann sollte man mit LST bei Cannabis anfangen?
In der dritten bis vierten Vegetationswoche, sobald die Pflanze 4–6 Blattpaare und etwa 15–20 cm Höhe hat. Der Stängel muss noch grün und biegsam sein – verholzte Triebe brechen leicht. Bei Autoflower beginnst du früher, bei 3–4 Knoten.
Wie viel mehr Ertrag bringt Low Stress Training?
Realistisch sind 15–30 Prozent mehr Ertrag gegenüber untrainierten Pflanzen, weil mehr Blütenstände gleich viel Licht bekommen. Anders als beim Topping entsteht dabei kein Wachstumsstopp, da die Pflanze nicht verletzt wird.
Kann man LST in der Blütephase noch machen?
Nur in den ersten zwei bis drei Blütewochen sehr vorsichtig. Danach sind die Stängel zu hart und brechen beim Biegen. Stelle das Training spätestens in Blütewoche drei bis vier ein, damit die Pflanze ihre Energie in die Buds steckt.
Was tun, wenn ein Trieb beim LST abbricht?
Frische Brüche innerhalb von 24 Stunden mit Klebeband und einem Zahnstocher als Schiene stabilisieren. Cannabis verheilt sehr gut – oft bildet sich an der Bruchstelle sogar ein dickerer, stabilerer Knoten.
Welches Material eignet sich für LST?
Gummierter Pflanzendraht oder weiches Velcro-Pflanzenband, fixiert an Löchern im Topfrand. Dünner Metalldraht, Garn oder unbeschichtete Kabelbinder schneiden unter Last in den Stängel ein und verursachen Wunden.
LST bei Autoflowering-Sorten
Autoflower-Pflanzen blühen nach einem festen Zeitplan, nicht nach Lichtstunden – das Zeitfenster fürs Training ist deshalb deutlich enger. Starte hier schon bei 3–4 Knoten, etwa 25–30 Tage nach der Keimung, und arbeite besonders vorsichtig. Tägliche Kontrolle ist Pflicht, und Topping solltest du bei Autos lieber weglassen: Die Pflanze hat keine Zeit, sich von einem stärkeren Eingriff zu erholen.
Warum LST überhaupt funktioniert
Verantwortlich ist die apikale Dominanz. Die oberste Triebspitze schüttet Wachstumshormone (Auxine) aus, die das Wachstum der unteren Seitentriebe bremsen – die Pflanze investiert fast alles in eine zentrale Hauptcola. Biegst du die Spitze waagerecht herunter, sitzen plötzlich mehrere Triebe gleich „hoch“. Die hormonelle Hierarchie bricht auf, die Seitentriebe holen auf, und am Ende stehen viele kräftige Blütenstände statt einer dominanten Spitze und vielen kümmerlichen darunter. Gleichzeitig kommt mehr Licht an die tieferen Knospen, und das flache Kronendach verbessert die Luftzirkulation – was im Zelt das Schimmel- und Schädlingsrisiko senkt.




